Für Eltern · Blog

Mythen über mehrsprachige Kinder, mit der Forschung abgeglichen

· 6 Minuten Lesezeit

Das meiste, was besorgte Verwandte über Kinder mit mehreren Sprachen sagen, stimmt nicht, und ein paar der fröhlichen Versprechen, die man online liest, stehen auf wackligeren Beinen, als sie klingen. Hier steht, wie die verbreiteten Annahmen den besten Studien standhalten, die wir finden konnten, und wie belastbar die Belege jeweils sind.

Ein Waschbär aus Filz hält eine Lupe über einen Haufen Sprechblasen

„Zwei Sprachen verwirren ein Kleinkind“

Für diesen Mythos spricht am wenigsten. Babys können Sprachen schon in den ersten Tagen und Monaten auseinanderhalten, und deshalb raten Forschende, die die Politik beraten, davon ab, eine zweite Sprache aus Angst vor Verwirrung zurückzuhalten (Fibla und Kolleginnen, 2021). Kleinkinder, die Wörter aus zwei Sprachen in einem Satz mischen, nutzen einfach jedes Wort, das sie besitzen, genau wie zweisprachige Erwachsene (Byers-Heinlein und Lew-Williams, 2013).

„Zweisprachige Kinder sprechen später“

Im Durchschnitt nicht. In einem Vergleich von 302 polnischsprachigen Kindern, die im Ausland mit einer zweiten Sprache aufwachsen, und 302 vergleichbaren Kindern in Polen sagten beide Gruppen ihr erstes Wort mit etwa 15 Monaten und erreichten zehn Wörter und die ersten Wortkombinationen im selben Alter (Muszyńska und Kolleg:innen, 2025). Der Mythos hält sich, weil oft nur eine Sprache gezählt wird. Mit 30 Monaten kannten 47 Kleinkinder mit Spanisch und Englisch zusammen etwa 580 Wörter, 56 nur englischsprachige Kleinkinder etwa 540 englische Wörter (Core und Kolleg:innen, 2013). Ausführlich steht das in unserem Artikel über zweisprachige Kleinkinder, die spät sprechen.

„Lass eine Sprache weg, wenn dein Kind spät spricht oder eine Diagnose bekommt“

Dieser Mythos richtet den größten Schaden an, weil Familien danach handeln und meistens ein Elternteil aufhört, mit dem eigenen Kind in der eigenen Sprache zu sprechen. Übersichtsarbeiten finden keinen Hinweis darauf, dass mehr als eine Sprache autistischen Kindern schadet (Gilhuber, Raulston und Galley, 2023), und bei Kindern mit einer Sprachentwicklungsstörung hilft Therapie in beiden Sprachen der Zweitsprache genauso viel wie Therapie nur in der Zweitsprache und stützt dabei auch die Erstsprache (Harvey, Allaway und Jones, 2018). Forschende, die das Feld zusammenfassen, nennen den Rat, sich bei Kindern mit Entwicklungsstörungen auf eine Sprache zu beschränken, unbegründet (Fibla und Kolleginnen, 2021).

„Wenn du die Sprachen mischst, bringt dein Kind sie durcheinander“

Die Belege sind hier wirklich gemischt, sie sprechen aber eher für Gelassenheit. Eine Synthese von 2026 hat sieben Studien mit 541 Kindern zusammengeführt und fand, dass das Mischen der Eltern nicht damit zusammenhing, wie gut Kinder eine der beiden Sprachen sprachen, und höchstens einen vernachlässigbaren bis kleinen Zusammenhang damit, wie gut sie die Mehrheitssprache verstanden (Verhoeven und Kolleg:innen, 2026). Eine eigene Studie mit 52 polnisch- und türkischsprachigen Kindern in den Niederlanden fand zwar, dass mehr Mischen der Eltern mit einem kleineren aktiven Wortschatz in der Familiensprache einherging, die Autorinnen raten aber ausdrücklich nicht dazu, die Sprachen streng zu trennen, weil unklar ist, in welche Richtung der Zusammenhang läuft (Verhoeven und Kolleg:innen, 2025). Wenn ihr viel mischt und die Familiensprache die zerbrechliche ist, ist etwas ungemischte Zeit für sie eine vernünftige Absicherung.

„Ihr braucht eine Person, eine Sprache“

Das ist ein gutes System, aber keine Pflicht. In De Houwers Befragung von 1.899 belgischen Familien sprachen Kinder die Minderheitensprache am häufigsten, wenn beide Eltern sie zu Hause sprachen, und die Studie kommt zu dem Schluss, dass „eine Person, eine Sprache“ weder notwendig noch ausreichend war (De Houwer, 2007). Eine niederländische Studie mit 136 Familien fand, dass das Familienmuster kaum noch eine Rolle spielte, sobald gezählt wurde, wie viel von jeder Sprache die Kinder tatsächlich hörten (Verhagen, Kuiken und Andringa, 2022). Menge und Qualität der Sprache schlagen das Etikett auf dem System.

„Sprich zu Hause die Landessprache, damit dein Kind für die Schule bereit ist“

Bei Eltern, die eine spät gelernte Sprache sprechen, geht das oft nach hinten los. Mütter mit begrenztem Englisch sprachen genauso viel wie Muttersprachlerinnen, ihre Sätze waren aber etwa ein Drittel kürzer und sie benutzten etwa 40 Prozent weniger verschiedene Wörter (Hoff, Core und Shanks, 2019), und in einer niederländischen Studie mit 50 Vorschulkindern sagte die Sprachgewandtheit der Nicht-Muttersprachler das Niederländisch der Kinder voraus, nicht die Frage, ob ein Elternteil Muttersprachler war (Unsworth und Kolleg:innen, 2019). Vorlesen zu Hause in der Familiensprache half Vorschulkindern sogar genauso beim Lernen englischer Wörter wie Vorlesen auf Englisch (Roberts, 2008). Die ganze Argumentation steht in unserem Artikel darüber, welche Sprache du mit deinem Kind sprechen solltest.

„Drei oder vier Sprachen sind zu viel“

Hier gibt es weniger Forschung, und was es gibt, ist beruhigend. In Montreal kannten 20 dreisprachige Kleinkinder etwas weniger französische und englische Wörter als 170 zweisprachige, ein Unterschied, der statistisch nicht verlässlich war und den die Autorinnen schlicht darauf zurückführen, dass die dreisprachigen Kinder Französisch und Englisch nur etwa 73 Prozent ihres Tages hörten (Côté, Gonzalez-Barrero und Byers-Heinlein, 2019). Ihre dritte Sprache wurde nicht einmal mitgezählt. Die echte Grenze sind die Stunden des Tages, und die rechnen wir in unserem Artikel über Kinder mit drei oder vier Sprachen (auf Englisch) durch.

„Ein Video oder eine App kann die Sprache beibringen“

Allein deutlich weniger, als man hofft. Neun Monate alte Babys lernten Laute des Mandarin nach etwa fünf Stunden mit einer echten Sprecherin und lernten nichts Messbares aus derselben Menge Mandarin auf Video oder als Audio (Kuhl, Tsao und Liu, 2003), und eine Meta-Analyse von 59 Berichten beziffert die durchschnittliche Lernlücke bei Videos auf etwa eine halbe Standardabweichung bei Kindern bis sechs (Strouse und Samson, 2020). Wir machen selbst ein Sprachspiel und hätten also jeden Grund, etwas anderes zu behaupten, und trotzdem glauben wir, dass der Erwachsene neben dem Kind den eigentlichen Unterricht macht. Mehr dazu in was Kleinkinder wirklich von Bildschirmen lernen (auf Englisch).

„Zweisprachigkeit macht Kinder klüger“

Das ist der fröhliche Mythos, und er ist größtenteils ein Mythos. Die Behauptung lautet, dass das Jonglieren mit Sprachen die exekutiven Funktionen trainiert, also die geistige Steuerung hinter Aufmerksamkeit und dem Wechseln zwischen Aufgaben. Eine Meta-Analyse von 2021 mit 23.414 Kindern fand einen winzigen Vorteil für zweisprachige Kinder, der auf null schrumpfte, sobald die Forschenden dafür korrigierten, dass positive Ergebnisse eher veröffentlicht werden (Lowe und Kolleg:innen, 2021). Eine zweite Meta-Analyse kam auf einen ähnlich kleinen Durchschnittseffekt, Hinweise auf Publikationsverzerrung und wenig Unterstützung für einen allgemeinen Vorteil (Gunnerud und Kolleg:innen, 2020).

Das ist in Ordnung. Die guten Gründe, ein Kind mit euren Sprachen großzuziehen, sind die Menschen und Orte, die sie ihm öffnen: Großeltern, mit denen es reden kann, die Bücher, mit denen ihr aufgewachsen seid, und mehr als einen Ort, der sich nach Zuhause anfühlt.

Was Eltern fragen

Verursacht eine zweisprachige Erziehung eine Sprachverzögerung?

Nein. Große Vergleiche zeigen, dass zwei- und einsprachige Kinder frühe Meilensteine wie das erste Wort im selben Alter erreichen. Der Wortschatz in einer einzelnen Sprache kann kleiner wirken, aber über alle Sprachen zusammen ist er ähnlich groß.

Sollten wir eine Sprache aufgeben, wenn unser Kind Autismus oder eine Sprachentwicklungsstörung hat?

Übersichtsarbeiten finden keinen Hinweis darauf, dass eine zweite Sprache autistischen Kindern oder Kindern mit einer Sprachentwicklungsstörung schadet, und Therapie in beiden Sprachen stützt die Familiensprache, ohne die andere zu bremsen.

Schadet es meinem Kind, wenn ich Sprachen mische?

Eine Synthese von sieben Studien mit 541 Kindern fand keinen Zusammenhang zwischen dem Mischen der Eltern und dem Sprechen der Kinder in einer der beiden Sprachen, höchstens einen kleinen mit dem Verstehen der Mehrheitssprache. Forschende raten nicht zu strenger Trennung.

Haben zweisprachige Kinder einen geistigen Vorteil?

Wahrscheinlich keinen verlässlichen. Meta-Analysen mit zehntausenden Kindern finden einen sehr kleinen Vorteil bei den exekutiven Funktionen, der nach der Korrektur für Publikationsverzerrung verschwindet oder fast verschwindet.

Quellen

  1. Bilingual language development in infancy: what can we do to support bilingual families?, Laia Fibla and colleagues, Policy Insights from the Behavioral and Brain Sciences, 2021
  2. Bilingualism in the early years: what the science says, Krista Byers-Heinlein and Casey Lew-Williams, LEARNing Landscapes, 2013
  3. Bilingual children reach early language milestones at the same age as monolingual peers, Karolina Muszyńska and colleagues, Journal of Child Language, 2025
  4. Total and conceptual vocabulary in Spanish-English bilinguals from 22 to 30 months: implications for assessment, Cynthia Core and colleagues, Journal of Speech, Language, and Hearing Research, 2013
  5. Language and communication skills in multilingual children on the autism spectrum: a systematic review, Christina Gilhuber, Tracy Raulston and Kasie Galley, Autism, 2023
  6. The effectiveness of therapies for dual language children with developmental language disorder: a systematic review, Hannah Harvey, Hazel Allaway and Sarahjane Jones, International Journal of Bilingual Education and Bilingualism, 2018
  7. The relation between parental language mixing and children's vocabulary outcomes: an evidence synthesis, Emma Verhoeven and colleagues, Child Development, 2026
  8. To mix or not to mix? The relation between parental language mixing and bilingual children's language outcomes, Emma Verhoeven and colleagues, Bilingualism: Language and Cognition, 2025
  9. Parental language input patterns and children's bilingual use, Annick De Houwer, Applied Psycholinguistics, 2007
  10. Family language patterns in bilingual families and relationships with children's language outcomes, Josje Verhagen, Folkert Kuiken and Sible Andringa, Applied Psycholinguistics, 2022
  11. The quality of child-directed speech depends on the speaker's language proficiency, Erika Hoff, Cynthia Core and Katherine Shanks, Journal of Child Language, 2019
  12. Predicting bilingual preschoolers' patterns of language development: degree of non-native input matters, Sharon Unsworth, Susanne Brouwer, Elise de Bree and Josje Verhagen, Applied Psycholinguistics, 2019
  13. Home storybook reading in primary or second language with preschool children, Theresa Roberts, Reading Research Quarterly, 2008
  14. Multilingual toddlers' vocabulary development in two languages: comparing bilinguals and trilinguals, Stéphanie Côté, Ana Maria Gonzalez-Barrero and Krista Byers-Heinlein, Journal of Child Language, 2019
  15. Foreign-language experience in infancy: effects of short-term exposure and social interaction on phonetic learning, Patricia Kuhl, Feng-Ming Tsao and Huei-Mei Liu, PNAS, 2003
  16. Learning from video: a meta-analysis of the video deficit in children ages 0 to 6 years, Gabrielle Strouse and Jennifer Samson, Child Development, 2020
  17. The bilingual advantage in children's executive functioning is not related to language status: a meta-analytic review, Cassandra Lowe and colleagues, Psychological Science, 2021
  18. Is bilingualism related to a cognitive advantage in children? A systematic review and meta-analysis, Hilde Lowell Gunnerud and colleagues, Psychological Bulletin, 2020

Weiterlesen

Geschrieben und bearbeitet von einem Vater. Mit Hilfe von KI entworfen und mit den Quellen in jedem Beitrag abgeglichen. Die Illustrationen sind eigene Bilder, mit KI-Unterstützung entstanden.